13. Dezember

Caseys und Severides kleine Geschichte zum 13. Dezember
»Der Engel Emanuel«
»Schatz, haben wir eigentlich eine Playstation oder eine Xbox? Ich kapiere das nie … Weißt du, für den Rolf so ein Spielchen, wie wir es haben!« Der Angesprochene konnte noch nicht einmal antworten, da ging es schon weiter: »Was meinst du? Schenken wir dem Sven das Science-Fiction-Game oder eher ein Autorennspiel?« So tönte es quer durch die Spielzeugabteilung vom Einkaufscenter. Apropos, Marlies war ganz und gar nicht die Einzige, deren Stimme so laut und vernehmlich durch alles hindurch gellte. Nein, von allen Seiten gab es ein Lärmen und Diskutieren von gestressten und verunsicherten Eltern. Hinzu kamen natürlich auch noch das Geschrei und das Geplärr von Kindern, welche dank der aktiven Werbeabteilung des Kaufhauses fortlaufend neue Ideen und Wünsche entdeckten, die sie durchsetzen wollten. Dafür waren alle Kampfmittel erlaubt, bis zum Heulen!
In all dem drunter und drüber gehenden Chaos und Gelärm stand der Engel Emanuel zwischen den Gestellen von Holzeisenbahnen und großen, bleichen Plastikpuppen mit tausenden von Kleidchen und Zubehör. Weil sich der Ort, wo er stand, in der hintersten Ecke des Verkaufsraumes befand, hatte er seine Ruhe. »Es hat sich absolut nicht gelohnt«, murmelte er enttäuscht und resigniert vor sich hin. »Nein, es hat sich absolut nicht gelohnt.« Schon drei Mal hatte er sich durch das Gewühl bis zu Marlies durchgekämpft. Klar, die Leute spürten und sahen ihn eben nicht. Aber als Engel ist es halt ebenfalls mühsam, durch Menschengewühl und Gestelle hindurchzuhuschen. Auch ein Engel hat lieber etwas Platz und würde lieber normal durch die Gänge zwischen den Gestellen laufen. Dreimal schon hatte er bei der Marlies gestanden und ihr ins Ohr geflüstert: »Hab keine Angst! Schau, ich habe dir eine Megafreude zu erzählen. Es ist eine Freude für alle Menschen. Denn dir ist dein Retter geboren!«
Emanuel war jedoch noch nicht fertig mit dem, was er sagen wollte und ihm auf dem Herzen lag, da hatte sich Marlies schon in eine andere Richtung gedreht, ein Spielchen mit einem furchterregenden Bildchen darauf in die Hand genommen und laut und vernehmlich ihrem Mann zugerufen. Den Engel Emanuel hatte sie nicht wahrgenommen und auch nichts gehört. Nun ja, sie hatte halt auch einfach keine Zeit dafür. Schließlich war heute der 24. Dezember, und heute Nacht wollten sie ja zusammen mit den Schwiegereltern gemütlich vor dem geschmückten Bäumchen feiern. Vorher aber müssen noch alle Geschenke gekauft, eingepackt und unter das Bäumchen gelegt werden, welches man dann zu guter Letzt auch noch geschmückt werden sollte. Das Essen wollte auch noch gekocht werden. Überdies musste als Pünktchen auf das »i« die Wohnung noch in elterntauglichen Zustand gebracht werden. Und die Kinder sollten sich auch noch hübsch anziehen. Es war halt der übliche Weihnachtsstress!
Emanuel schaute auf seine Liste und schlich davon. »Nein, es hat sich nicht gelohnt!«, murmelte er leise vor sich hin. Wieder war es ihm auch dieses Jahr nicht gelungen, die Aufmerksamkeit der ihm zugeteilten Menschen auf sich zu ziehen und von der frohen Botschaft zu erzählen. Es war wirklich zum Verzweifeln!
Als Nächstes war der langhaarige Kioskverkäufer im Flughafen, gerade rechts bevor es zur Abflughalle hinüber ging, an der Reihe. Im Moment hatte er zwar noch Schichtdienst, und er kam hinten und vorne nicht nach mit Zigaretten-Päckchen herausgeben, einkassieren, Geld abzählen und herausgeben und erklären, wo jetzt nun wieder die neuen Modehefte lagen. Vor der Kasse gab es bersits eine lange Schlange, und Emanuel überlegte sich, ob er sich auch hinten anstellen und ein Schokolade-Stängelchen kaufen sollte. Aber das gäbe wieder ein Bild: ein Engel mit einer Schokolade. Nein aber auch!
Er probierte es diesmal von der Fensterseite her und stellte sich neben den Beat. So hieß nämlich der Verkäufer. Aber da gab es gerade gar nichts zu wollen! Der Beat hatte keine Zeit für leise Töne, schon gar nicht von einem Engel. »Hab keine Angst …«, fing dieser an. »Das macht acht Franken fünfzig, … sorry, eight Franks fifty, please.« Der Beat war beschlagen! In den gängigsten Sprachen, wie Englisch, Französisch Spanisch, Deutsch, verkaufte er seine Waren, und sogar ein paar Brocken Russisch konnte er. Der Engel Emanuel überlegte sich, ob er vielleicht auf Französisch fragen sollte. Er nahm noch einmal einen Anlauf auf Deutsch: »Hab keine Angst!« Er probiert es, so laut er konnte. Aber im Himmel oben hatten sie kein Früh-Englisch, sondern nur Früh-Engelisch, und das war eben eine gar feine Sprache. Eine Sprache, wo man mit dem Herzen und nicht mit den Ohren hörte. Aber leider war dafür keine Zeit vorhanden. Viel zu viele Leute waren unterwegs und wollten vor dem Abflug noch etwas zum Knabbern oder Lesen kaufen. Und so war der Beat hinter seiner Theke am Herumwetzen, ohne dass er etwas von der Himmelsgestalt neben sich bemerkte.
Emanuel wendete sich ab und sagte, nur zu sich selbst: »Vor 2000 Jahren, wo wir zum ersten Mal diese frohe Botschaft weitergeben durften, hatten die Leute noch einen bösen Kaiser gebraucht, der eine Volkszählung und damit verbunden eine Reise befohlen hatte. Heute machen sie freiwillig für nur ein paar Tage dieses Gehetze und den Stress. Bloß an einem anderen Ort als damals. Und da reden sie noch von Erholung!« Kopfschüttelnd schaute er auf seinen Zettel mit den Namen darauf. Es gab ihm jedes Mal einen Stich ins Herz, wenn er, ohne gehört zu werden, weiterziehen musste.
»Nächstes Jahr probieren wir es dann wieder. Oder vielleicht hat ein Arbeitskollege von mir während des Jahres mehr Erfolg …« Das war die einzige Hoffnung. »Eigentlich ja nicht nur meine Hoffnung«, dachte die frustrierte Lichtgestalt, »eigentlich wäre ja das die Hoffnung all dieser Menschen! Nein, im Grunde hat es sich nicht gelohnt. Die ganze Mühe, welche Jesus da auf sich genommen hat. Es will ja niemand davon hören! Nämlich, dass Jesus, Gottes Sohn, sich so klein gemacht hat und Mensch geworden ist. Dass er die Menschen so liebt, dass er selber das Licht des Lebens direkt zu ihnen auf die Erde gebracht hat, um sie zu erlösen und ihnen das ewige Leben zu geben. Nein, das hat sich doch alles nicht gelohnt. Von seinem traurigen Weg zum Kreuz und seiner Auferstehung wollen wir erst gar nicht reden. Es hört ja eh niemand mehr zu. Dabei ist es jedes Jahr danach wieder das Gleiche. Wenn wir Engel im Himmel berichten, was wir erlebt haben, so ist Jesus traurig und weint über jede Seele, die sein Geschenk nicht annimmt.«
In der Zwischenzeit war Emanuel im Villenviertel der Hauptstadt des Nachbarlandes angekommen. Hierzu ist anzumerken, dass Engel auf eine besondere Art und Weise reisen, nämlich eine, wo Zeit und Distanzen keine Rolle spielen. Darum war er auch so schnell am nächsten Ort. In einer der schönsten Prachtbauten der Gegend traf er, wie erwartet, auf François. Der saß verzweifelt auf seinem Sofa mit einer halb leeren Flasche Wein neben sich. Ab und zu nahm er einen Schluck daraus, dazwischen seufzte er tief. Emanuel setzte an, diesmal natürlich in François’ Sprache, und sagte: »Hab keine Angst …« – »Was, keine Angst? Nein, Angst muss ich keine haben. Zwei Drittel meines Vermögens habe ich verloren! Da muss ich wirklich keine Angst mehr haben, noch mehr zu verlieren. Schlimmer kann es ja nicht mehr kommen!« Der immer noch reiche, aber verzweifelte François ließ Emanuel nicht ausreden: »Als gescheiterter Börsenmakler finde ich keine gute Stelle mehr! Da muss man mir nicht mit so blöden Sprüchen kommen!«
Emanuel war ganz aus dem Häuschen, weil ihn endlich jemand hörte! Er fing deshalb nochmals an: »Hab keine Angst …«, aber schon sprudelte es wieder aus dem anderen heraus: »Es ist ein Wahnsinn! Ich habe in einem Jahr mehr Geld verloren als in den letzten zehn Jahren angesammelt. Kein Stein ist auf dem anderen geblieben! Dabei habe ich immer den richtigen Riecher gehabt und immer als erster die besten Geschäfte gemacht. Und jetzt passiert mir das …« Emanuel startete einen dritten Versuch, diesmal aber ganz schnell: »Hab keine Angst! Schau, ich habe eine Megafreude für dich …« – »Freude? Was Freude! Ich habe keine Freude mehr! Dreh die Zeit um ein bis zwei Jahre zurück, und wir könnten vielleicht von Freude reden. Aber heute?! Sicher nicht!« Der Engel stahl sich aus dem Zimmer, während der verzweifelte François weiter schimpfte. Ich werde später noch einmal bei ihm vorbeischauen, dachte er, immerhin hat er mir zugehört, auch wenn er das Gesagte noch nicht verstanden hat. Zum guten Glück habe ich, wie alle meine Kollegen auch, eine Engelsgeduld. So höre ich halt François noch ein wenig beim Schimpfen zu. Jetzt habe ich aber noch jemand auf der Liste für die guten Nachrichten von Weihnachten.
Heiß und staubig war es bei der Aliem Zasbia daheim. In Äthiopien ist es tagsüber nie wirklich kalt, in der Nacht dagegen kann es grauslich kalt werden! Aliem war eine fröhliche Gestalt und sang viel. Das hatte sie von ihrer Mutter. Schon die hatte immer gesungen. Aber trotz des Gesanges war es eine leidige Zeit für die zierliche dunkelhäutige Frau. Ihre Kinder, Amanuel, Belay und Tsiduk, hatten seit drei Tagen nur Steinsuppe zu essen bekommen. Nun ja, wenn Aliem nichts für den Kochtopf hatte, blieb ihr ja gar nichts anderes übrig. Damit die Kinder wenigstens das Gefühl hatten, sie hätten etwas gegessen, tat sie im Geheimen einen Stein ins Wasser über dem Feuer und sagte dann, dass das Essen bald fertig sei. Geschmack hatte es gerade nicht wirklich viel, und nähren tat es sowieso nicht. Die Ernte war auch dieses Jahr schlecht gewesen, wie die letzten acht Jahren schon. Die große Hitze und Dürre während der Sommermonate machte jeweils alles Wachstum kaputt. Dieses Jahr war es besonders prekär gewesen, weil die Hilfsorganisationen, welche wenigstens ein Überleben sicherstellten, nichts geben konnten. In diesem Jahr wollte wegen der schlechten Wirtschaftslage niemand mehr spenden.
Der Engel Emanuel kam durch den Staub zu Aliem. »Hab keine Angst!«, fing er schüchtern an. Der Gesang verstummte, und Aliem horchte auf. »Schau, ich habe eine Megafreude zu erzählen. Eine Freude, welche für alle Menschen gilt. Denn dir ist dein Retter geboren!« Das Gesicht der ausgemergelten Frau hellte sich schlagartig auf. »Ja, heute ist ja Weihnachten!« Der Engel Emanuel machte vor Freude beinahe einen Salto. »Ja, heute ist Weihnachten! Der Erlöser ist geboren!« Vor lauter Freude hatte Emanuel beinahe vergessen, dass er kein Mensch war und keinen Körper aus Fleisch und Blut besaß. Endlich war da jemand, der ihm zuhörte und ihn verstand! Aliem rief ihre Kinder und setzte sich mit ihnen vor den leeren Suppentopf. Emanuel fing dann an, die Weihnachtsgeschichte zu erzählen. So, wie sie vor 2000 Jahren wirklich geschehen war.
Noch lange hockten die vier Hungrigen vor dem knisternden Feuer und hörten dem Engel zu. Trotz des Hungers spürten sie etwas von der Hoffnung. Ein Gott, welcher die Menschen so liebt, dass er Mensch geworden ist und sein Leben für sie her gegeben hat, würde auch sie nicht alleine lassen! Aber Hunger, Hunger hatten sie halt immer noch!
Es war schon spät in der Nacht, als Emanuel nach oben dem Himmel zu steuerte. Er war schon fast droben, als er plötzlich abrupt umkehrte und sich in die Hauptstadt vom Nachmittag begab. »Ich muss noch einmal zu François. Er ist sicher noch am Schimpfen …« Und noch einmal begab sich die Himmelsgestalt zur Villa und fand den Finanzier immer noch auf dem Sofa. Jetzt aber mehr liegend als sitzend. Bei einem Kind würde man sagen, er hatte sich ausgetrotzt und beruhigt. Still war es im Großen Haus. Mitten in dieser Stille vernahm man plötzlich: »Hab keine Angst!« François schreckte auf. Dann hörte er zu. Zuerst widerwillig, dann neugierig. Emanuel erzählte ihm aber noch viel mehr als das, was in der Bibel steht. Denn der Engel hatte eine Idee gehabt …
Es dauerte ein paar wenige Tage, bis etwas passierte. Aber wirklich: Kurz nach diesem turbulenten Tag hatte Emanuel vom Himmel aus gesehen, wie in Äthiopien bei Aliem und ihren Kindern ein Paket eingetroffen war. Endlich war Weihnachten nicht nur eine Hoffnung, sondern Realität. Dann war es auch im Bauch von Aliem, Amanuel, Belay und Tsiduk Weihnachten geworden. Und nicht nur dort, auch in einer Villa weit weg von Äthiopien war es hell geworden …
Und im Himmel oben war eine feine Stimme zu hören, die murmelte: »Super, es hat sich doch gelohnt!«
(David Ruprecht)